Reschitza
… es ist soweit, die Zeit ist gekommen, dass man sich an den Frühling,
Sommer oder Herbst nur erinnern kann. Die Erinnerungen sind schön,
man kann den ganzen Weg darüber sprechen und sie kehren als Wahrheit
zurück, wenn es auch nur im Gedanken möglich ist.
Über dem verreifte Feld des Morgens stehen in halbhellen Sonnenlicht
die „verzuckerten" Strohhalme der Weide. Die fast erfrorene Natur begrüsst
uns trotz der Kälte und dem bissigen Wind, der wie eine Klinge die
raue Luft schneidet. Die Schuhsohle prallt auf die Strohhalme nieder, so
dass nur eine Reihe von Spuren zurück bleibt. Der alte Nußbaum,
der im Sommer für Schatten sorgte, steht ganz kahl vor uns und wiegt
langsam seine Äste im Wind. Der Reif ist über alles verbreitet:
je höher man steigt, um so verreifter ist die Gegend. Über der
Stadt, ein dichtes Nebeltuch, so das man kaum erkennen kann, daß
sie dort in der Ferne irgendwo liegt. Mit Kappe und Kaputze, Stiefel und
Jacke, gut angezogen, latschen wir erneut trotzt der Kälte durch die
Gegend, um Herbstsouvenirs zu sammeln. Das Rascheln der Blätter zwischen
den Bäumen errinert mich an's vorige Jahr, als der Herbst kam und
seinen Teppich niederlegte. Von Jahr zu Jahr wird der selbstgewebte Teppich
grösser und weicher.
Als wir auf der Wiese ankamen, wo vor einigen Monaten das Farnkraut
ein dichtes Feld bildete, erkennen wir mit Bestürzung, daß nur
braune, lange Streifen noch da stehen, um die Wiese vom Waldrand zu begrenzen.
Zwischen den Brombeerensträuchern, die wie Scheiterhaufen aussehen,
kann man noch einige rote Beeren sehen, die es nicht mehr erreicht haben,
reif zu werden und irgendwie traurig nach unten hängen. So, bis über
den Hang des Berges, stehen enttäuscht die Wacholder, so wie einsame
Hirten. Ihre Herden verschwanden unter den dichten Nebelwolken des Tages,
als das Licht der erweckten Sonne durchstrahlt. Man dachte augenblicklich,
daß man sich im Märchenreich befindet. Die letzte Spätherbstszene
spult sich wie ein Faden von Grossmutters Knäuel ab. Gelbe Blätter
schaukeln sich hin und her, um dann über uns wie ein Goldregen herab
zu fallen.
Als wir uns dem Dorf nähern, wird der Himmel immer blauer und
heiterer. Die Sonne verbreitet ihr Licht über die Gegend und gibt
so der Natur eine besondere Bedeutung. Aus der Ferne kann man schon erkennen,
wie sich der Rauch der Häuser durch die Täler zieht. Neben den
Häusern steht das mühsam geschlichtete Holz, vorbereitet für
den Winter. Man ist an der Grenze zwischen Herbst und Winter; man geniesst
gerade noch die letzten Stunden des herrlichen Herbstes.
Als wir unser heutiges „Zelt" aufschlagen und uns gemütlich nahe
an's knisternde Feuer drängen, entdecken wir so einige Meter entfernt
Vogelbeerbäume, voller Pracht. Augenblicklich fühlte man keine
Kälte mehr, man fühlte nur eine innerliche Freude. Papier und
Plastiktütten werden sofort entleert. Die süssen Früchte
sättigen uns Hungrige, man vergißt sogar, daß man bei
sich seinen Imbiß im Rucksack hat. Die Sonne strahlt warm und spielt
mit der entzündeten Glut. So erfahre ich von den anderen Mitgliedern
unserer Wandergruppe wichtige Sachen über die Vogelbeeren. Man kennt
sie auch unter der Bezeichnung von Haschpeln oder als das „Aschenputtel"
des Obstbaues. Die reifen Früchte sind mittelgross, braun, länglichrund,
haben ein süsses Mark und kleine harte Kerne. Man kann sie so verzehren
oder als Paste, Marmelade geniessen. Die Kerne sind auch verbrauchbar,
wenn man sie stoßt und eine Handvoll gestoßene Kerne danach
einen ganzen Tag lang in einem Liter Weisswein ziehen lässt; es wird
alle Morgen auf den leeren Magen ein Stampel dieser Mischung getrunken.
Es wirkt gegen Nierensteine.
Als ich so ein viertel Kilo gegessen habe, sättigte ich mich und
brauchte keinen Imbiß mehr. Das Feuer zittert und die Glut spielt
im Farben mit der Luft, mal rot, mal schwarz, wie Asche.
Auf dem Heimweg sammeln wir Hagebutten, Schlehen und Weissdornfrüchte
und machen davon schöne Herbststräusse, um uns öfter an
die sonnigen Tage zu errinern.
Da steht jetzt der Herbststrauss am Tisch im Zimmer und erzählt
Märchen bei einem Glässchen Wein, leisen Weihnachtsliedern und
schimmerndem Feuer.
Damit wünsche ich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr und
viele schöne Ausflüge im Laufe des kommenden Jahres, in unsere
natürliche Berglandgegend.