Sonntagsausflüge

Herbstsouvenirs

von Gerhard Chwoika

Reschitza
… es ist soweit, die Zeit ist gekommen, dass man sich an den Frühling, Sommer oder Herbst nur erinnern kann. Die Erinnerungen sind schön, man kann den ganzen Weg darüber sprechen und sie kehren als Wahrheit zurück, wenn es auch nur im Gedanken möglich ist.
Über dem verreifte Feld des Morgens stehen in halbhellen Sonnenlicht die „verzuckerten" Strohhalme der Weide. Die fast erfrorene Natur begrüsst uns trotz der Kälte und dem bissigen Wind, der wie eine Klinge die raue Luft schneidet. Die Schuhsohle prallt auf die Strohhalme nieder, so dass nur eine Reihe von Spuren zurück bleibt. Der alte Nußbaum, der im Sommer für Schatten sorgte, steht ganz kahl vor uns und wiegt langsam seine Äste im Wind. Der Reif ist über alles verbreitet: je höher man steigt, um so verreifter ist die Gegend. Über der Stadt, ein dichtes Nebeltuch, so das man kaum erkennen kann, daß sie dort in der Ferne irgendwo liegt. Mit Kappe und Kaputze, Stiefel und Jacke, gut angezogen, latschen wir erneut trotzt der Kälte durch die Gegend, um Herbstsouvenirs zu sammeln. Das Rascheln der Blätter zwischen den Bäumen errinert mich an's vorige Jahr, als der Herbst kam und seinen Teppich niederlegte. Von Jahr zu Jahr wird der selbstgewebte Teppich grösser und weicher.
Als wir auf der Wiese ankamen, wo vor einigen Monaten das Farnkraut ein dichtes Feld bildete, erkennen wir mit Bestürzung, daß nur braune, lange Streifen noch da stehen, um die Wiese vom Waldrand zu begrenzen. Zwischen den Brombeerensträuchern, die wie Scheiterhaufen aussehen, kann man noch einige rote Beeren sehen, die es nicht mehr erreicht haben, reif zu werden und irgendwie traurig nach unten hängen. So, bis über den Hang des Berges, stehen enttäuscht die Wacholder, so wie einsame Hirten. Ihre Herden verschwanden unter den dichten Nebelwolken des Tages, als das Licht der erweckten Sonne durchstrahlt. Man dachte augenblicklich, daß man sich im Märchenreich befindet. Die letzte Spätherbstszene spult sich wie ein Faden von Grossmutters Knäuel ab. Gelbe Blätter schaukeln sich hin und her, um dann über uns wie ein Goldregen herab zu fallen.
Als wir uns dem Dorf nähern, wird der Himmel immer blauer und heiterer. Die Sonne verbreitet ihr Licht über die Gegend und gibt so der Natur eine besondere Bedeutung. Aus der Ferne kann man schon erkennen, wie sich der Rauch der Häuser durch die Täler zieht. Neben den Häusern steht das mühsam geschlichtete Holz, vorbereitet für den Winter. Man ist an der Grenze zwischen Herbst und Winter; man geniesst gerade noch die letzten Stunden des herrlichen Herbstes.
Als wir unser heutiges „Zelt" aufschlagen und uns gemütlich nahe an's knisternde Feuer drängen, entdecken wir so einige Meter entfernt Vogelbeerbäume, voller Pracht. Augenblicklich fühlte man keine Kälte mehr, man fühlte nur eine innerliche Freude. Papier und Plastiktütten werden sofort entleert. Die süssen Früchte sättigen uns Hungrige, man vergißt sogar, daß man bei sich seinen Imbiß im Rucksack hat. Die Sonne strahlt warm und spielt mit der entzündeten Glut. So erfahre ich von den anderen Mitgliedern unserer Wandergruppe wichtige Sachen über die Vogelbeeren. Man kennt sie auch unter der Bezeichnung von Haschpeln oder als das „Aschenputtel" des Obstbaues. Die reifen Früchte sind mittelgross, braun, länglichrund, haben ein süsses Mark und kleine harte Kerne. Man kann sie so verzehren oder als Paste, Marmelade geniessen. Die Kerne sind auch verbrauchbar, wenn man sie stoßt und eine Handvoll gestoßene Kerne danach einen ganzen Tag lang in einem Liter Weisswein ziehen lässt; es wird alle Morgen auf den leeren Magen ein Stampel dieser Mischung getrunken. Es wirkt gegen Nierensteine.
Als ich so ein viertel Kilo gegessen habe, sättigte ich mich und brauchte keinen Imbiß mehr. Das Feuer zittert und die Glut spielt im Farben mit der Luft, mal rot, mal schwarz, wie Asche.
Auf dem Heimweg sammeln wir Hagebutten, Schlehen und Weissdornfrüchte und machen davon schöne Herbststräusse, um uns öfter an die sonnigen Tage zu errinern.
Da steht jetzt der Herbststrauss am Tisch im Zimmer und erzählt Märchen bei einem Glässchen Wein, leisen Weihnachtsliedern und schimmerndem Feuer.
Damit wünsche ich frohe Weihnachten und ein gutes Neues Jahr und viele schöne Ausflüge im Laufe des kommenden Jahres, in unsere natürliche Berglandgegend.