Vom Schweineschlachten in Orawitz

von prof. Tibor Lichtfuss


(früher Orawitza, z.Z. Innsbruck)
Wenn man heutzutage die schön ausgestellten Wurstwaren kauft und nicht nur gedankenlos ißt, kommt man bald drauf, welches Pfuschwerk einem hier aus zweifelhaften Grundelementen und ebensolchen Gewürzen und Farbzusätzen in verschiedenen Kunststoffhüllen verkauft wurde. Ich frage mich dabei, was sich seit meiner Jugendzeit alles verändert hat (=verdorben wurde).
Damals, es ist lange her, gehörten bei uns die Gerüche der frischen Wurst- und Selchwaren der Winterzeit an. Es wurde nach hauseigenen Gebräuchen für den Familientisch nach eigenen Rezepten, nicht aber für das Geschäft geschaffen. Vor allem wußte jeder, was in seiner Wurst wirklich "drinnen war".
Die Zeit des Schweineschlachtens begann so um den 30. November herum, der damals noch der Thomastag war. Sie dauerte manchmal bis zum Faschingsende.
Das Schlachten des Schweines vollzog fachmännisch der Fleischhacker. Er brachte mit sich: das ganze Gestell, auf dem das tote Tier aufgehängt und zerteilt wurde, eine Kette, einen Flaschenzug, Werkzeug zum Enthaaren des Tieres, seine Messer, eine große Fleischmühle und die Wurstfüllpressen. Die Hausleute hingegen mußten besorgen: 15-20 Liter-Weidlinge, Töpfe, Reindln, genügend Kochlöffel, Seiher, Schneidebretter, Geschirrtücher, Reibbürsten, Fettdosen ("Dösn"), eine Molter, Bretter, Gewichte, Haken und Stangen, ein großes Kesselhaus mit Kessel und die hausüblichen Gewürze.
Für eine etwa 100 kg Tier brauchte man etwa 3 kg Salz, 20 Deka gemahlenen Pfeffer, eventuell scharfen und Rosenpaprika, Majoran, Kümmel gemahlen, etwa 1 kg kleingeschnittenen und leicht angerösteten Zwiebel, 4-5 Stück Knofel, der seit dem Vorabend im Wasser lag.
Dazugekauft werden mußten: gereinigte Gedärme für Leber-, Blut- und Bratwürste, Rindsgedärme für dicke Würste, Schweinsmagen für den Schwartelmagen. Zum Beizen brauchte man Lorbeerblätter, eventuell Koriander, Salpetersalz. Zum Verbinden der Würste hatte man Spagat, zum Zunähen des Schwartelmagens eine dicke Nadel notwendig.
Ergeben sollte dies: genügend Selchschinken, Selchwürste und Selchspeck, Leber- und Blutwürste, Schwartelmagen, Fett und Grammeln, kurze und lange Karmonadeln, Fleisch und nicht zuletzt die Schweinssulz.
Die Arbeit begann schon am frühesten Morgen und war sehr hart. Um mir als Kind das traurige Erlebnis des Abstechens zu ersparen, führte mich mein Vater in die Rorate. Aber kaum waren wir auf dem Kirchplatz, hörte man von irgendwo vom Kirchenberg ein "armes Schwein" schreien. Nach der Rorate hörte man dieselben Schreie aus der Witwengasse ...
Zurück zur Arbeit: Das Blut mußte abgefangen und nach Zugeben von einem Handvoll Salz ständig gerührt werden, damit es nicht stocke. War alles gut vorbei, dann ruhte das "Eigensalzene", Leberwürste und Blutwürste kühlten auf dem Tisch aus, die Bratwürste warteten zusammengerollt auf das Selchen. Das Schmalz in den "Dösen" kühlte aus, ebenso die Grammeln. Man mußte achten, daß Hund und Katze nicht in die Nähe der Würste kamen.
Ein wohlberdientes Abendessen beendete den schweren Tag. Die Familie saß mit dem Schlachtmeister und mit allen Helfern beisammen und verkostete so manches von den frischen Leckerbissen.
Am nächsten Tag bekamen Nachbarn und Freunde des Hauses einen großzügig beladenen "Kostteller", was sich dann, wenn diese Nachbarn ihren Schweineschlachte-Tag hatten, in umgekehrten Sinn vollzog.
Es bleibt für mich ein Rätsel, warum die Menschen den Namen dieses Tieres, das uns so viel Gutes bringt und zu Neujahr auch noch als Glückssymbol verwendet wird, als Schimpfwort benützen?