Temeswar
Unser Erwin Josef Tigla, der Radlführer jedwelcher Kulturtätigkeit
im Banaterland der Berge führt uns mit Horst Keller am Lenkrad, in
die Steiermark. Es ist heiß, der Weg lang und es ergeben sich ersprießliche
Gespräche am Weg.
Erwin Josef Tigla: „Schaun´s schon ti Gassn, wu mia wohnan sagen
alles: Ich wohn af ta Schwalbngassn - schein, romantisch. Sei (gemeint
ich) af ta «Baba Dochia», ih wass nit, ob ti «Dochia»
oda Sei ti «Baba» sein. Aber sein´s beruhigt, Sei krign
vun mia 100 Schilling, wenn´s durstig sein, kennen´S a Dudler
trinkn".
Kaum überschreiten wir die Landesgränze und erreichen die
Wälder Ungarns, befiehlt Erwin den Mitfahrern auszusteigen, „tas ma
essn".
„Ti Daman legn sich af teni Bänk und hebn ti Fieß. Was lachst,
Ilusch? (gemeint ist Helene Hirschvogel), Tei sein toch angschwolln vun
ta Reise".
Drei Minuten später: „Tuat, wu ti Frau Edith liegt, wua a Politiker
glegn. Schlafn´S, schlafn´S nua, in Österreich lass´n
mir Sie sowieso af ana Alm runter, wo a Biko grast. Wean´S schon
sehn! Hei Veta! (gemeint ist Elisabeth Nemeth), schmeiß hea a Faschirts!
In ta Steiermark brauchn ti Hundn nit tei Faschirti, ti sein fetta wie
mia".
Ich protestiere und meine, dass wir auch fesch sind: „Schaun´S
ti Ilusch und ti Edith Neff, wie fesch sie sein unt ih hab mei 68 Kg".
Erwin weiter: „Na ja, wenn´S bei ta Ilusch a halbes Packhändel
gessen habn, bei ta Clara Jochmann a Plech Mehlspeis unt bei ta Zitta Lupu
zwa Lita Zuika trunken habn... Ih wass alles!"
Ich protestiere wieder und meine, der Kopf schmerzt mir noch immer
von dem Schnapps, den ich so wie gestern, d.h. am 12. Juli, zu meinem Geburtstag
getrunken habe.
Erwin: „Mei liebi Frau Edith! Geburtstag sagn Sei? Wu is ta Schnapps,
hera mit ten Schnapps".
Das Getue um den Schnapps geht los, denn wir müssen „pea tu" trinken.
Erwin blättert in meinem Pass, wo beim Geburtsdatum der 13. Juli eingetragen
ist.
„Aha, so wie heit sein´S geboan! Horsti, halt an, ta Schnapps
muss hea!"
Else Nemeth verteidigt mich: „Lass ti „Tzuka-Person" in ruh, ih bin
froh, tass sie neba mia sitzt" mit dem Paragraph 200 zu tun habn. Ihr (deutet
auf Ilusch, Edith und mich) schlafts in Mansardazimmas af ta Alm beim Seidl-Wirt
zu dritt unt passt ani af ti andri auf. Tu, Veta, schlafst allan oda mit
ta Adele". Else wehrt sich und ich beruhige sie:
„Frau Nemeth, Erwin kann Ihna nix machn, ich bin af Ihra Seitn".
Erwin: „Aach wenn ih will, kann ih ihr nix machn. Veta, «inkurkier»
tich mit teni Hund af a Alm, mit teni «Tzuka Mama»".
Ich zieh meine Teeflasche hervor und trinke zwei tüchtige Züge
daraus.
Erwin: „Schaut´s, wie tei tes Bia aussauft. Horst, bleib stehn,
sie muss a Schnapps kaufn".
Ich: „Na, ih hab ka Geld fia Bia, ih will a Wiener Neustädter
Keazn mia kaufen".
Erwin: „Nix Keazn. Mir ess ma a Eis. Fia ta Ilusch kost ti Portion
2,50 Mark weil sie mei Stellvertretin is, für Ihna, Frau Edith, 18
DM weil Sei a Dichtarin sein".
Edith Neff: „Mia kannst imma zu trinkn gebn".
Elsa Nemeth: „Na ja, tann geht´s die ganzi Nacht rum wie ti Geista".
Erwin: „Veta, sei «calma». Ta sein ma in ta Demokratie,
in ta steirischen, «aici toti suntem egali». Jeder kann «pi...»
gehn so oft ea will".
Der Empfang im Neumarkter Europahaus ist herzlichst. Wir werden von
der Europa-Cristl von allen Seiten fotografiert.
„Halten Sie ihr Profil" sagt Frau Crista mir plötzlich. Erwin
und ich lächeln und halten Profil. Weil uns ein Herr Costica Lacatus
aus Hermannstadt mit einem schlechten Diskurs die Show nimmt, knüpfen
wir Bekanntschaften und führen Gespräche mit Persönlichkeiten
in den Pausen. Kein Ausländer spricht so schön die österreichische
Muttersprache wie wir. Kein Wunder, dass ich plötzlich mit Moderator
Wolfgang Wratschgo spreche, mit Dr. Pahr, Präsident der Europäische
Bewegung, mit Botschafter Dr. Wolte oder mit Regierungsbeauftragter Dr.
Busek im Gespräch bin.
Erwin spricht zwar gelassen mit Finanzmagnaten, richtet aber stets
ein Auge auf Else, ob jene nicht einen Hund sieht, auf Adele, ob diese
nicht zu einer Apotheke verschwindet und natürlich auf mich, ob ich
einem Herrn nicht eine Fahrt mit dem Fiaker durch Wien verspreche.
Weil wir einen Abend zuvor, d.h. am zweiten Tag beim Seidl-Wirt „peatu"
getrunken haben, heißt es: „Schaut´s ti Edith, schon wieda
hat sie anan. Paßt af tei auf, ih geh mia an gmischt`n Salat unt
a Händlhaxn hol´n".
Wir müssen aufgefallen sein, ohne weiteres, denn am dritten Abend
als im Europahaus alles aus war, sitzen nur wir, Bergländer, zusammen
mit Max Wratschgo, Bürgermeister Reifnitz, Reiffeisen-Bankdirektor
Seidl, Europa-Christl am langen Tisch in schönsten Wirtshaus von der
Alm zu Zeutschach. Der Teufel reitet mich und ich mache Herrn Bankdirektor
bekannt, dass ich ein Post-Sparkassenbüchlein habe, worauf arme 1.400
Schilling eingebucht sind, auch dass ich am nämlichen Tag die Zinsen
darauf mir eintragen lasse: ganze 19 Schilling - etwa 2,70 DM.
„Was?" schreit Erwin, „Tu hast a Bichl? Welchi Foab hat´s?" (Bekannt
ist es uns noch, dass gewisse Fraun ein rotes Büchlein vor Zeiten
hatten).
„Gelb" gib ich bescheiden dazu.
Erwin: „Gelb! Gib´s hea zu Kontroll!" Blättert im Büchlein
und gibt darauf ironisch kund: „1.400 Schilling! 19 Schilling Zinsn, von
teni sich 4,5 Schilling ta Staat nemmt!"
Die Herrn lachen sich krumm. Es wird bis zur Mitternacht unterhalten.
Ich muss Gedichte lesen und hohe Worte in die Bücher schreiben. Erwin
munkelt mit dem Bankdirektor und ich bekomme vom Seidl-Wirt eine Wiener
Neustädter Kerze, was Erwin besonders aufregt. Er entwendet nach Mitternacht
eine 3-4 Kg schwere bayrische Kerze, von Winterthur-Gästen hergebracht,
und bringt sie uns wortlos ins Zimmer. Edith Neff geistert nach 12 Uhr
auf den finsteren Treppen des malerischen Gasthauses herum, um die Nische
der Kerze wiederzufinden und den Schaden zu beheben.
Weinend und „Wenn ich komm, wenn ich komm" singend, fahren wir nach
Friesach ab. Am meisten stöhnt Else Nemeth nach den zwei „Tzuka Mama"-Hunden,
edler Rassen, sehr treu und intelligent auf der Alm kennengelernt, die
tatsächlich kein Essen von uns brauchten, weil sie eh überfüttert
waren.
In Friesach erwartete uns Herr Stritzl, der ehemaliger Chefredakteur
der „Kleinen Zeitung" aus Klagenfurt. Er führt uns durch die wunderbare
Landesausstellung und als Erwin erfährt, dass die meisten Objekte
der mitteralterlichen Städte aus den Latrinen geborgen wurden, entwirft
er hohe Pläne, was er aus den Latrinen Reschitzas herausholen könnte.
Er läßt mich aber doch mit Herrn Strizl auch allein, so dass
dieser in „Museum der Deutschen von überall" ein Zwergl in Zwerglgarten
mir kauft.
Erwin ist ja zufrieden mit mir, trotzdem bemerkt er: „Jetzt hat sie
a Wiener Neustädter Keazn, a Zweagl vun Friesach unt a Bichl mit 19
Schilling. Tes is weltumweafand!
Sie muss heit tes Essen zahln unt mia zwa Schnapps tazu. Tei Frau macht
a Vamegn ta!"
Es schlägt aber die Stunde auch für Erwin und Horst in der
Person einer blonden scharmanten Touristenführerin durch den Gurker
Dom, das mächtigste Benediktiner Denkmal aller Zeiten. Sie erzählt
über den Fruchtbarkeitsstuhl, worauf ich mich setzen muss, weil Erwin
der „Banater Zeitung" das Foto zukommen lassen will. Auch er setzt sich
auf den Stuhl. Wir wandern durch die Krypta der 100 Säulen und dann
sitzen wir unter der wundertätigen Kanzel des Domes, die ungemein
mit Bioenergie jeden Körper speist.
Erwin: „Ih hab ka Kopfschmeazn mea" und Horst: „Ih hab nix mea mit
ta Schulta", die Blicke auf die Führerin gerichtet. Gefühlt schreiten
wir also aus dem Mittelalter ins Licht der Gegenwart und die Herren trösten
sich: „Sie hat a zu großi Nasn, a unverschämti noch tazu, a
bledi Pappn. Mit tem ahnan Aug hat sie manchmal blinzelt unt af ta linki
Hant hat´s a Tetovierung ghabt. Was es woa? A Paam, na a Ritta...
tes wua nur a ....".
In Böheimkirchen geht es uns genau so gut. Erwin lädt Ilusch
und mich beim Vizebürgermeister Mahrl ab: „Ta habn´s ti Dichtarin!"
sagt Erwin.
„Veto, tu schlafst heit Nacht mit mia. Tei vieli Faschitn hast af ti
Hund vafittat, jetzt ziegst tich schon aus. Genug! Ordnung muss heaschn!"
Else versteht nicht, dass sie mit den Herrn, beziehungsweise mit Jürgen,
Horst und Erwin bloss in demselben Haus schlafen muss und nicht in einem
Zimmer oder gar Bett.
Am letzten Gnadentag dürfen wir uns etwas Bescheidenes in einem
Böheimkirchner Kaufhaus kaufn. Erwin überschreit alle: „Ta Edith
nix kaufen, ti hat a Bichel um 19 Schilling, a Keazn, a Zweagl, jetzt hat´s
ah zwa Taschn krigt unt a Schnapps is sie mia noch imma schuldig".
Auf dem Foto für die Ewigkeit lächln wir alle glücklich.
Wir waren es auch: in jenen Augenblicken des 19. Julis Uhr „antemeridian"
und dazu brauchten wir nicht viel - nur seelische Ruhe, aufrichtige Menschen
um uns und Nächstenliebe, viel Wärme und Liebe, seltene Ware
zu Beginn des 21. Jahrhunderts.
Temeswar, am 22. Juli 2001